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Buch

Translationspolitik für Regional- oder Minderheitensprachen

Unter besonderer Berücksichtigung einer Strategie der Offenheit

Peter Sandrini (2019). Berlin: Frank & Timme. TRANSÜD 99, ISBN 978-3-7329-0513-3. Flyer

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Inhaltsverzeichnis:

  1. Einleitung S. 21
  2. Fragestellung und Aufbau S. 25
  3. Minderheitenproblematik S. 33
  4. Politik und Translation S. 37
    1. Translation im Kontext sprachlicher Minderheiten S. 44
    2. Translationspolitik S. 58
  5. Translationstechnologiepolitik S. 111
    1. Produktivität S. 112
    2. Exkurs: Technologie und Menschenrechte S. 115
    3. Exkurs: Die „Open“-Bewegung S. 116
    4. Umfrage zur Translationstechnologie S. 129
    5. Translationstechnologie S. 143
    6. Möglichkeiten der Translationstechnologiepolitik S. 205
  6. Entwicklungslinien einer Translationspolitik S. 209
    1. Allgemeines S. 209
    2. Reifegradmodelle S. 212
    3. Translation Policy Metrics (TPM) S. 218
  7. Translationspolitik: Fallbeispiel Südtirol S. 279
    1. Historische Einbettung S. 279
    2. Auf Spurensuche: Translationspolitik im Gesetz S. 280
    3. Translationspolitik in der Wahrnehmung: Umfrage unter ÜbersetzerInnen S. 304
    4. Translationspolitik im Gespräch: Qualitative Analyse S. 340
    5. Translationspolitik in Südtirol: Eckpunkte und Probleme S. 343
    6. Anwendung des TPM-Modells auf Südtirol S. 363
  8. Ausbildung und Translationspolitik S. 393
    1. Translationspolitik als Berufsvoraussetzung S. 393
    2. Institutionelle Translationskompetenz S. 394
    3. Curriculare Überlegungen S. 397
  9. Zusammenfassung S. 407
  10. Literaturverzeichnis S. 411
  11. Anhang S. 433
    1. Anhang A: Umfrage zur Translationstechnologie für Regional- oder Minderheitensprachen S. 433
    2. Anhang B: Umfrage zur Translationspolitik in Südtirol S. 436
      1. Umfrage in deutscher Sprache S. 436
      2. Umfrage in italienischer Sprache S. 441
    3. Anhang C: Interviews im Volltext S. 446
      1. Handzettel Interview S. 446
      2. Interview C1 S. 447
      3. Interview C2 S. 467
      4. Interview C3 S. 484
      5. Interview C4 S. 498

Beschreibung

Eine erfolgreiche Translationspolitik für eine spezifische Regional- oder Minder­heiten­sprache umzu­setzen stellt eine komplexe Aufgabe dar, nicht nur aufgrund des in der Literatur noch nicht genau umrissenen Begriffs der Trans­lationspolitik, sondern auch wegen der viel­fältigen Verflechtungen der Translationspolitik mit Sprachpolitik und Sprachenrecht. Die vor­lie­gen­de Arbeit beschreibt den Zusammenhang zwischen Sprach­politik, Minder­heiten­rechte und Translationspolitik (insbe­son­dere Kapitel 3 und 4), stellt diese Frage entgegen vielen bestehenden Publikationen aber nicht in den Vorder­grund der Betrachtung. Vielmehr geht es in dieser Untersuchung darum, die Merkmale einer effizienten und erfolgreichen Trans­lations­poli­tik für Regional- oder Minderheitensprachen darzulegen.

Dazu wird zunächst eine Definition von Translationspolitik vorgelegt, die den Begriff in seiner umfassenden Bedeutung als der explizite und beobacht­bare Eingriff einer Person oder eines Personen­kreises, der/die über die nötige Kompetenz und Auto­ri­tät verfügt/verfügen oder zu­mindest den An­spruch auf Kompetenz und Autorität besitzt/ besitzen, die Gewohnheiten oder Über­zeugungen der ÜbersetzerInnen, Auftrag­geberInnen und Nutzer­Innen von Übersetzungen zu verändern. Translationspolitik wird damit jedes bewusste und/oder unbewusste Gestalten bzw. Steuern von Trans­la­tion unab­hängig von einzelnen Per­so­nen sowie unabhängig von spezi­fi­schen Über­setzungen oder Über­setzungs­auf­trägen.

Translationspolitik zerfällt in die fünf großen Bereiche der Ideo­logie­politik, der Orga­nisationspolitik, der Personalpolitik, der Qualitätspolitik und der Technologie­politik. Eine zentrale Bedeutung gewinnt durch eine solche umfassende Definition der Einsatz von Technologie zur Gestaltung und Organisation der Translation in einem spezi­fi­schen Kontext (Kapitel 5). Translationstechnologie wird in dieser Arbeit wiederum breit definiert als jede Art digitaler Informations- und Kommunikations­technologie, die den Translations­prozess durchführt bzw. unterstützt. Die wichtigsten Instru­mente der Translationstechnologie werden beschrieben und ausgewählte Ver­treter an Freier und Open-Source Software vorgestellt. Translations­techno­logie erschöpft sich jedoch nicht in einzelnen Software­anwen­dun­gen, sondern beinhaltet ebenso den Um­gang mit den durch den Einsatz der Soft­warewerkzeuge entstandenen und laufend ent­stehen­den Daten, deren Wieder­verwendung entscheidend die Effizienz des Übersetzens be­einflusst. Aus der Sicht der Translationspolitik bestehen vielfältige Optionen der Ent­schei­dung für das eine oder andere Softwareprodukt, für eine zentrale oder dezentrale An­schaffung und Verwaltung der Translationstechnologie sowie für eine zentrale oder dezen­trale Verwaltung der Übersetzungsdaten. Ge­mein­same Voraus­setzung bleibt jedoch immer, dass es einer kompetenten Stelle bedarf, die für diese Entscheidungen die Verant­wortung übernimmt.

Die getroffenen Entscheidungen zur Translationspolitik variieren je nach Kom­petenz der Verantwortlichen, Umfang der vorhandenen Ressourcen, Status der Über­setzerInnen, politischen und machtpolitischen Präferenzen, etc. Nachvollziehbarkeit und Be­grün­dung der getroffenen Entscheidungen setzen voraus, dass der Translations­politik ein sinnvolles Ent­wick­lungs­modell (Kapitel 6) zugrunde gelegt wird, das einer­seits die allge­meinen Ziele des rechtlichen Kontextes der Regional- oder Minder­heiten­sprache und andererseits die Erkenntnisse der Translationswissenschaft sowie die Best-Practices der Translationsindustrie umsetzt. Auf dieser Basis können mit­hilfe des aus dem Organi­sa­tions­management stammenden Reife­grad­modells spezifische Ent­wick­lungs­linien für alle Bereiche der Trans­lations­politik vorgezeichnet werden. Das ent­sprechende TPM (Translation Policy Metrics)-Modell beschreibt für jeden Bereich spezi­fische Indikatoren, die jeweils fünf Stufen der Entwicklung aufzeigen. Diese insge­samt 27 Indika­toren, aufgeteilt auf 14 Teilbereiche, die ihrerseits den fünf Bereichen der Trans­lationspolitik zugeordnet sind, verfügen damit über 135 Entwick­lungs­stufen und ermöglichen die Einschätzung des Entwicklungs­standes der Transla­tionspolitik einer Insti­tution, Organisation oder eines Gebietes mit Regional- oder Minderheitensprachen. Durch einfaches Feststellen der spezi­fischen Ent­wick­lungs­stufe für jeden Indikator kann die erreichte Stufe als Punkt vergeben werden, so dass auf der Skala zwischen mindestens 1 und maximal 135 Punkten ein Kontinuum an transla­tions­politischen Ent­wick­lungsgraden angezeigt werden kann. Die Qualität der bis zum Zeit­punkt der Erhebung getroffenen translationspolitischen Entscheidungen ergibt sich als Funktion der erreichten Entwicklungsstufe. Dabei geht es jedoch nicht nur um eine absolute Punkte­zahl, sondern vielmehr um das Bewusst­sein einzelner Problem­stellen sowie um das Aufzeigen potentieller Opti­mie­rungsmöglichkeiten, die sich aus einer nach Teil­bereichen differenzierten Analyse der erreichten Punktezahl ergeben.

Die exemplarische Umsetzung des Translation Policy Metrics-Modells erfolgt am kon­kre­ten Beispiel Südtirols (Kapitel 7). Dazu wird zunächst die histo­rische Einbettung dieses Gebietes mit Regional- oder Minder­heiten­sprachen aufgearbeitet. In der Folge werden in nationalen italienischen Gesetzes­quellen mit Bezug zu Südtirol sowie in der Südtiroler Landes­gesetz­gebung Hinweise und Belege für translationspolitische Ent­schei­dungen gesucht. Neben der gesetzlich festgelegten Translationspolitik wird die Wahr­nehmung der Translationspolitik unter den in Südtirol tätigen Über­setzerInnen in einer empirischen Um­frage mit insgesamt 15 Fragen erho­ben. Ergänzend dazu wird die Umsetzung der Trans­lations­politik in Südtirol sowie die Verlässlichkeit der Umfrage­ergebnisse in mehreren persön­lichen Gesprächen mit Führungspersönlichkeiten im Bereich Über­setzen überprüft. Das sich aus diesen empirischen Daten ergebende Bild der Trans­la­tions­politik in Südtirol wird in der Folge in seinen wesentlichen Merk­malen und Problempunkten dargestellt: Die Relati­vierung der Unter­schiede zwischen Sprach- und Translationskompetenz, die man­gelnde Pro­fessio­na­lisierung des ÜbersetzerInnen­berufes sowie die fehlende Koordi­na­tion und Kooperation zwischen den Übersetzungs­diensten. Die Anwendung des TPM-Modells auf Südtirol mit der Einordnung der gegen­wärtigen Über­setzungs­situation in eine der fünf Stufen jedes Indikators bestätigt diese Problembereiche, die vor allem in den dargestellten Netz­diagrammen mit Wiedergabe der Punkteanzahl in den einzelnen Teilbereichen zum Aus­druck kommen. Das TPM-Modell erweist sich dabei als eine tragfähige Vor­lage zur Bestands­aufnahme der konkre­ten Translationspolitik einer Regio­nal- oder Minder­heiten­sprache, mit deren Hilfe die Stärken und Schwächen sowie Entwicklungs­möglich­keiten aufgezeigt werden können.

Eine wichtige Maßnahme zur Umsetzung potentieller Opti­mierungs­chancen liegt in der Erhöhung des zur Verfügung stehenden Fachwissens, insbe­sondere auf der Führungs­ebene, die für die Translationspolitik verant­wort­lich zeichnet. Während das Ergebnis einer TPM-Analyse den Stand der institu­tionellen Translationskompetenz wieder­gibt – dieses Konzept wird aus­führlich beleuchtet und als aktuelle Bestands­aufnahme einer Transla­tions­politik definiert –, kann eine solche kollektive Kompetenz vor allem durch Ausbildung mit einem verstärkten Fokus auf Planung, Organi­sation und Führung erhöht werden (Kapitel 8). Die Betonung des theoretischen Hinter­grundes der Translations­wissenschaft zur Unterstützung der Argu­men­tationsfähigkeit, vertiefte Kennt­nisse der Technologieplanung, um Trans­lationstechnologie optimal einsetzen zu können und die Vermittlung einer Datenstrategie, die das Speichern und Ver­füg­bar­machen von Trans­lations­daten optimal umsetzen lässt, steigert die Führungs­kompetenz der akade­misch ausgebildeten ÜbersetzerInnen und damit die Realisierung durch­dachter translationspolitischer Entscheidungen.

Diese Zusammenfassung (Kapitel 9), das umfangreiche Litera­tur­ver­zeich­nis (Kapitel 10) sowie der Anhang (Kapitel 11) mit den beiden Um­fragen und der vollinhaltlichen Wieder­gabe der Interviews schließen diese Arbeit ab.

Der Autor hofft, mit dieser Untersuchung einen Beitrag zu einem bewussten Umgang mit translationsrelevanten Entscheidungen zu leisten, um Transla­tions­politik für Regional- oder Minderheitensprachen auf eine wissen­schaftliche Grund­lage zu stellen und Entwicklungslinien für transla­tions­politische Entscheidungen aufzu­zeigen. Mit dem TPM (Translation Policy Metrics)-Modell soll ein fundiertes Analyse­werk­zeug zur Verfügung gestellt werden, um den Stand der Translationspolitik in einem konkreten Um­feld bestimmen und potentielle Entfaltungsmöglichkeiten aufzeigen zu können.